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In der virtuellen Welt gegen reale Angststörungen: Neue Therapiemethode in der Salus-Tagesklinik Bernburg

Dr. Anja Niemeczek, Psychotherapeutische Leiterin der Tagesklinik „Angst plus“, und Fachkrankenpfleger Matthias haben erste Erfahrungen mit der VR-unterstützten Therapie gemacht und sehen darin eine wertvolle Ergänzung der Behandlungsangebote.
Fachkrankenpfleger Matthias hat sich für die Anwendung der modernen VR-Technik und die Steuerung der therapeutischen Software weitergebildet. Das System und die Szenarien werden je nach Störungsbild auf die individuelle Situation zugeschnitten. Der Behandlungsraum ist leer, damit sich die Patientin oder der Patient ungehindert bewegen kann.
Ist die „VR-Brille“ einmal aufgesetzt und angepasst, ist der Eindruck täuschend echt. Die generierten Bilder und Töne werden so erlebt, als wären sie die Realität – so wie hier im Bild aus einer Höhe von ca. 20 Metern. In Echtzeit simuliert der Computer dreidimensionale künstliche Umgebungen und registriert gleichzeitig die Reaktionen und das Verhalten des Patienten.

Bernburg. In der Salus-Tagesklinik Bernburg wurde das methodische Spektrum zur Behandlung von Angststörungen ergänzt. Betroffene Patient*innen können jetzt in virtuelle Situationen und Örtlichkeiten eintauchen, die ihnen im realen Leben unbegründet große Angst machen und daher vielfach gemieden werden. Unter therapeutischer Begleitung wird in dieser Umgebung die bessere Bewältigung angstauslösender Reize trainiert. Je nach zu behandelnder Phobie lassen sich in der Virtualy Reality (VR) Szenarien wie zum Beispiel der Blick von hohen Gebäuden, Menschenansammlungen, Unternehmungen mit Flugzeug, Auto oder Bus, Begegnungen mit Spinnen oder auch ein Vorstellungsgespräch mit mehr oder weniger freundlichen Avataren simulieren. 

„Die Konfrontation mit angstauslösenden Reizen unter der VR-Brille führt bei den meisten Patienten zu einem Präsenzerleben wie in der Realität“, erklärt Dr. Anja Niemeczek, Psychotherapeutische Leiterin der Tagesklinik „Angst plus“, die täuschend echten Wahrnehmungen in der Dreidimensionalität. „Die Bewältigung dieser Situationen lässt sich hier vergleichbar gut üben wie in einer klassischen Konfrontationstherapie vor Ort. Manchen fällt der Schritt ins Virtuelle auch leichter als ihre Angst gleich in der Lebenswirklichkeit herauszufordern.“ 

Auf einen weiteren Vorteil der virtuellen Realität macht Fachkrankenpfleger Matthias aufmerksam, der die moderne Technik bedient und die Patient*innen bei der Therapie begleitet: „Die Szenarien können beliebig oft wiederholt und stufenweise reguliert werden. Bei Höhenangst kann man zum Beispiel in der ersten Etage beginnen und die Höhenkonfrontation dann stufenweise bis zur 20. Etage steigern. Außerdem besteht die Möglichkeit der Simulation von VR-Umgebungen, die im wirklichen Leben nicht so einfach zugänglich sind.“ 
Als Beispiel zeigt Psychotherapeutin Dr. Anja Niemeczek den Fall einer Patientin auf, die unter massiven Ängsten vor einer MRT-Untersuchung litt: Trotz schwerwiegender somatischer Verdachtsdiagnose hatte sie schon eine Untersuchung abgebrochen. Um sich auf die dringend notwendige Diagnostik „in der Röhre“ einlassen zu können, war die Patientin mit einer Konfrontationsbehandlung im virtuellen MRT einverstanden. Anfangs von heftiger Angst mit Herzrasen, Zittern, Schwitzen und Luftnot gepeinigt, wurde im Verlauf der Konfrontation ein schrittweiser Abfall der Symptome bis auf ein moderates Anspannungsniveau erreicht. Durch diese Erfahrung motiviert und bestärkt, absolvierte die Frau schon einige Tage später ohne medikamentöse Hilfe ihre MRT-Untersuchung. 

Mit der VR-unterstützten Konfrontationstherapie, deren Wirksamkeit bei spezifischen Angststörungen durch viele kontrollierte Studien belegt ist, wird das tagesklinische Angebot in Bernburg ergänzt. „VR-Anwendungen sind jedoch nicht für jeden geeignet und erst recht kein Ersatz für die ganzheitliche Herangehensweise, die bei der Behandlung vieler Angststörungen erforderlich ist“, nimmt Dr. Anja Niemeczek u.a. darauf Bezug, dass Betroffene oft auch unter psychischen Begleiterkrankungen wie Depressionen, Zwängen oder Anpassungsstörungen leiden. Das verhaltenstherapeutische Behandlungsprogramm umfasst daher u.a. Einzel- und Gruppengespräche, Bewegungs-, Ergo- und Entspannungstherapie sowie Angebote zur Stärkung der sozialen und emotionalen Kompetenzen.
Die Salus-Tagesklinik in der Bernburger Friedensallee 6 hat insgesamt 32 Therapieplätze. Behandelt wird in geschlossenen Gruppen, in denen bis zu acht Patient*innen über einen Zeitraum von jeweils sechs Wochen gemeinsam aufgenommen werden. Neben den Gruppen für Menschen mit Angststörungen gibt es hier auch ein Angebot zur Behandlung von Ess-Störungen.  
Für die tagesklinische Aufnahme ist eine haus- oder fachärztliche Überweisung notwendig. Terminvereinbarungen für ein Vorgespräch können telefonisch unter 03471 34 4540 getroffen werden.

Zu den Angeboten der Tagesklinik kommen Sie hier.

Kurz erklärt: Wann Angst zur Krankheit wird
Das Gefühl der Angst ist überlebensnotwendig: Es signalisiert uns Gefahren und versetzt uns in die Lage, sinnvoll zu reagieren. Zur Krankheit wird Angst, wenn sie sich gewissermaßen selbstständig macht und derart in den Vordergrund rückt, dass das alltägliche Leben stark einschränkt ist. Das normale Maß an Unsicherheit, das zum Leben dazugehört, wird nicht mehr akzeptiert, sondern erzeugt eine wirklichkeitsfremde Risikowahrnehmung. Wenn Dauer und Häufigkeit von Angstzuständen zunehmen, obwohl kein nachvollziehbarer Anlass besteht, könnte eine Angststörung vorliegen. Die Betroffenen ziehen sich aus dem Alltag, aus bestimmten Situationen oder von bestimmten Orten völlig zurück. Klinisch relevant sind z.B. die Agoraphobie (Platzangst), die soziale Phobie (Angst vor dem Umgang mit anderen Menschen), plötzlich und episodisch auftretende Panikattacken sowie die generalisierte Angststörung. Viele Betroffene leiden zugleich unter schlechtem Schlaf sowie unter Symptomen wie Herzrasen, Kopfschmerzen oder Schweißausbrüchen. 
Bei der Behandlung kann insbesondere eine Verhaltenstherapie hilfreich sein, bei der die Bewältigung Angst auslösender Situationen gezielt trainiert wird. In Bernburg führt das Salus-Fachklinikum seit 2009 die spezialisierte Tagesklinik „Angst plus“. Das Therapieangebot in der Friedensallee wendet sich an erwachsene Patienten, die unter Angststörungen und damit einhergehenden gesundheitlichen Beschwerden leiden. Es ist vor allem für Patientinnen und Patienten geeignet, die für die kritische Betrachtung eigener Handlungs- und Verhaltensweisen offen sind und schon eine Änderungsmotivation entwickelt haben.