Erfahrung: "Wer sich öffnet, kommt an."

Im Gespräch mit Dr. Jewgenij Wolfowski I Chefarzt der Klinik für Allgemeine Psychiatrie und Psychotherapie des Fachklinikums Uchtspringe

Als Dr. Jewgenij Wolfowski 1993 mit seinen Angehörigen aus der Ukraine nach Deutschland kam, hatte er bereits ein erfolgreich abgeschlossenes Medizinstudium, mehrjährige Berufserfahrungen als Arzt und die Anerkennung als Facharzt für Neurologie im Gepäck. Nach kurzer Assistenzarzt-Tätigkeit im Harz fand er 1995 in Uchtspringe ein neues berufliches Wirkungsfeld, dem er seither treu geblieben ist. Anfangs als Assistenzarzt, später in leitenden Positionen war er sowohl im Maßregelvollzug als auch im Fachklinikum tätig. Auf diesem Weg erwarb der erfahrene Mediziner 1999 die Anerkennung als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, promovierte 2002 an der Freien Universität Berlin und absolvierte zahlreiche Zusatzqualifikationen, so u.a. im Bereich Forensische Psychiatrie und Verhaltenstherapie. Seit 2012 führt er als Chefarzt erfolgreich die Uchtspringer Klinik für Allgemeinpsychiatrie/Psychotherapie, ist inzwischen zugleich stellvertretender Ärztlicher Direktor. Zeit für ein Gespräch mit einer gestandenen und allseits hoch geschätzten Persönlichkeit, die sich beruflich und familiär fest in der Altmark verwurzelt hat. 

Herr Dr. Wolfowski, wenn Sie an ihre ersten Berufsjahre in Sachsen-Anhalt zurückdenken: Mit welchen Erinnerungen verbinden Sie diese Zeit?
Ich wurde überall sehr gut aufgenommen, ohne Probleme. Das ist für mich selbst im Rückblick noch erstaunlich, denn damals herrschte Arbeitslosigkeit unter Ärzten in Deutschland, man sprach sogar von einer "Ärzteschwemme". Das waren schwere Zeiten für unseren Berufsstand. Meine erste Stelle bekam ich in den Neinstedter Anstalten, wo ich anderthalb Jahre gearbeitet habe. Nach vielen Bewerbungen erhielt ich dann Stellenzusagen aus Bernburg und Uchtspringe. Ich habe mich für Uchtspringe entschieden und wurde wirklich sehr gut begleitet. Ich fühlte mich nicht integriert, sondern von Anfang an wie jeder andere Arzt im Kollegium dazugehörig.

Warum arbeiten Sie seit mehr als drei Jahrzehnten in Uchtspringe und nicht anderswo?
Warum sollte ich woanders hingehen, wenn ich hier mich hier gut entwickeln, Karriere machen und in einem hervorragenden Arbeitsklima entfalten konnte?  Auch unter materiellen Gesichtspunkten war es besser als in vielen anderen Bereichen. Es gab also keine Beweggründe, mich anders zu orientieren, zumal ich ja auch familiär hier angekommen war und in Gardelegen lebe. Meine Tochter ist inzwischen selbst promovierte Ärztin, mein Sohn studiert an der TU Berlin.  

Wenn Sie auf Ihren beruflichen Weg zurückblicken, was war da für Sie besonders prägend?
In Uchtspringe kam ich seinerzeit in ein ärztliches Kollegium, wo man sehr, sehr viel lernen konnte. Von Herrn Dr. Lischka und Herrn Dr. Hahndorf wurde ich bestens gefördert, ebenso verband mich über viele Jahre eine sehr gute und lehrreiche Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Ankerhold, Frau Hainsch, Dr. Schulz und vielen anderen. Ich begegnete intelligenten, empathischen Menschen und ausgezeichneten Spezialisten, die mit ihrem Fachgebiet und dem Standort Uchtspringe engstens verbunden waren. Ohne ideologische Einengungen wurde mir eine sehr breite Sicht eröffnet, fachlich wie menschlich. Das war prägend.

Was zeichnet das Fachgebiet Psychiatrie und Psychotherapie aus Ihrer Sicht aus, vielleicht auch gegenüber anderen Disziplinen?
Das ist eine der letzten Disziplinen, die wirklich auf den Kontakt zu Patientinnen und Patienten konzentriert sind. Vielleicht sind deshalb die Sprechstunden von Psychiatern und Psychotherapeuten so überlastet.  Viele andere Facharztgruppen arbeiten zunehmend apparativ. Die systemische Betrachtung der Patientinnen und Patienten in all ihren Facetten ist selten geworden. Oftmals werden die Leute werden von einem Spezialisten zum nächsten geschickt, ohne dass jemand systemisch den ganzen Menschen im Blickfeld hat. In Psychiatrie und Psychotherapie versuchen wir das schon.

Wenn Sie auf Ihren Berufsalltag schauen, welche aktuellen Herausforderungen sehen Sie?
Der Druck im Gesundheitswesen nimmt zu, nicht nur wirtschaftlich, sondern vor allem auf der administrativen Seite. Bürokratie erdrückt zunehmend die Medizin und Pflege. Es wird immer mehr Dokumentation gefordert, insbesondere in digitaler Form. Das Problem ist: Das meiste davon nützt dem Patienten überhaupt nichts. Im Gegenteil: Wir verbringen immer mehr Zeit mit Verwaltung und haben immer weniger Zeit für unsere eigentliche psychiatrisch-psychotherapeutische Arbeit. Kontrolle ist gewiss notwendig und richtig. Was wir erleben, sind jedoch ausufernde Dokumentationspflichten ohne Sinn und Verstand. Da muss sich grundlegend was ändern.
Zu den Herausforderungen in der Versorgung gehört, dass es viel zu wenig Nachsorgemöglichkeiten für schwer- und schwerstkranke Patienten mit chronischen Verläufen gibt, die wir nicht so einfach entlassen können. Wir müssen oft sehr lange nach einer geeigneten Folgeeinrichtung suchen, die zum Beispiel für Menschen mit psychotischen Erkrankungen geeignet sind.  

Welchen Rat können Sie jungen Ärztinnen und Ärzten geben, die heutzutage aus dem Ausland zu uns kommen und hier beruflich erfolgreich sein wollen?
Der wichtigste Schlüssel ist die echte Integration in die Gesellschaft. Man sollte seine eigenen Wurzeln natürlich nicht vergessen, aber offen sein für die lokalen Gebräuche, Sitten und die Sprache. Mein Rat wäre: Flüchten Sie sich nicht in isolierte Communities, sondern suchen Sie den Anschluss im Kollegium. Wichtig erscheinen mir dabei auch die Kontakte auf Augenhöhe mit dem Pflegepersonal. Einfach gesagt: Wer sich isoliert, bleibt zurück. Wer sich öffnet, kommt an.

Was wünschen Sie sich im Hinblick auf die weitere Entwicklung in den kommenden Jahren für das Salus-Fachklinikum Uchtspringe?
Angesichts der Patientenentwicklung sollte die Konzentration von Fachkräften am Klinikstandort Uchtspringe selbst nicht unterschätzt werden. Wohnortnahe ambulante Angebote sind natürlich wichtig und müssen ausgebaut werden. Aufgrund der dünnen Besiedlung und der großen Entfernungen in unserer weitläufigen Region erscheint mir aber die Bündelung von Expertise an einem Ort besonders wichtig. Hochspezialisierte Fachkräfte sollten ihre wertvolle Arbeitszeit nicht auf der Straße verbringen, sondern effizient vor Ort im Klinikum arbeiten. Transportmöglichkeiten für die Patienten lassen sich organisieren. Auch wenn dieser Ansatz derzeit nicht gerade favorisiert wird, sehe ich in einer ländlichen Region wie der Altmark kaum Alternativen. Wie die Erfahrung zeigt, sind Patienten auch zunehmend bereit, für eine passende Behandlung etwas weiter zu fahren. In meine Uchtspringer Sprechstunde auf ukrainisch und russisch kommen zum Beispiel auch Menschen aus Havelberg oder Magdeburg.
Außerdem sollten wir bei allen Bestrebungen um Ambulantisierung die therapeutischen Vorteile einer stationären oder tagesklinischen Behandlung nicht aus dem Auge verlieren. Wer ambulant behandelt wird, ist oft mit sich und seinem Therapeuten allein. In der Klinik oder Tagesklinik hingegen erleben unsere Patienten eine Gemeinschaft. Sie finden sich in einer Art Selbsthilfegruppe mitfühlender Menschen wieder. Das durchbricht die Einsamkeit, unter der viele Betroffene leiden. Es verändert die Sicht und schafft ein ganz besonderes Heilklima, das wir ambulant eben nicht erzeugen könnten.
 

Blitzrunde

Eine Frage. Kurze Antwort.

Lieber Kaffee oder Tee?Teetrinker
Lieblingsorte in Sachsen-Anhalt?Quedlinburg und Magdeburg, auch mein Wohnort Gardelegen
Sommer- oder Wintertyp?Sommer
Lebensmotto?Nicht aufgeben
 Ausgleich nach getaner Arbeit?Beim Golfspielen, meist auf dem Platz in Semlin. Und im Fitness-Studio.