Karola Kersching - Ergotherapeutin in der Tagesklinik Dessau

Mai 2026. In der „Villa Kunterbunt“ in der Tagesklinik Dessau für Kinder- und Jugendpsychiatrie, ‑psychosomatik und ‑psychotherapie ist Karola Kersching seit 2007 als Ergotherapeutin tätig. Sie hat hier ihren ganz eigenen Raum geschaffen – einen Ort, an dem Kinder und Jugendliche mit Holz, Ton, Farbe und Alltagsmaterial ins handwerkliche sowie gestalterische Arbeiten kommen, eigene Ideen entwickeln und erleben dürfen: „Ich kann das. Ich schaffe das. Ich bekomme das hin.“ An ihrer Seite arbeitet seit einigen Jahren ein besonderes Teammitglied: Therapiebegleithündin Lea, eine Golden-Retriever-Hündin, mit der Karola Kersching eine zertifizierte Ausbildung zum Therapiebegleithunde-Team absolvierte.

Wir haben Karola Kersching und Lea in ihrem Ergotherapie-Raum besucht und mit ihr über ihre Arbeit, ihren Werdegang und das Leben mit einem Therapiehund an der Seite gesprochen.

Frau Kersching, was passiert in Ihrer Ergotherapie?

Karola Kersching: Wir machen hier keinen klassischen Werkunterricht. Die Kinder kommen nicht einfach her und bauen nach Anleitung etwas nach. Ich sehe mich als Teil eines Teams, in dem die Kinder auf einer anderen Ebene arbeiten können – mit gestalterischen, kreativen und handwerklichen Techniken, oft auch ganz nonverbal. Mir ist wichtig, dass sie hier einen anderen Rahmen bekommen, um sich auszudrücken. Viele kommen herein und sagen erst einmal: „Ich kann das nicht, ich kann nicht malen, Kunst war noch nie mein Ding.“ Aber wir bewerten nicht. Es geht darum, herauszufinden, wo ich sie abholen kann und dann finden wir gemeinsam einen Weg. 

Wie beginnt eine Ergotherapie bei Ihnen?

Neue Patientinnen und Patienten kommen zunächst allein zum Kennenlernen. Ich zeige ihnen die Räume, wir sprechen darüber, wer sie sind, was sie sich wünschen, was ihr Ziel in der Tagesklinik ist. Sie füllen einen Steckbrief aus, der mir hilft, einen Anker zu finden, sie besser kennen zu lernen und auch ihre Wünsche für meine Therapieform. Danach zeige ich, mit welchen Materialien und Techniken wir hier arbeiten können. Dabei bleibe ich bewusst offen für ihre Ideen. Ich möchte mich nicht festlegen und sagen: „Heute machen wir genau das.“ Viel wichtiger ist, was von den Kindern und Jugendlichen selbst kommt.

Können Sie ein Beispiel geben, woran die Kinder bei Ihnen arbeiten?

In der Ergotherapie arbeiten wir mit unterschiedlichen Therapiemitteln in kreativer gestalterischer Form. Die Kinder und Jugendlichen arbeiten an eigenen aber auch an Gruppenprojekten, welche frei gestaltet werden können oder auch vorgegeben werden. Ich habe zum Beispiel eine Kiste voller Sprüche – die Kinder überlegen: „Was ist mein Leitspruch?“ Diesen setzen sie dann gestalterisch um.

Ein anderes Beispiel ist die „Gefühlspizza“: Jedes Kind gestaltet ein Stück und drückt darin Gefühle aus – Angst, Freude, Wut, Traurigkeit. Über Bilder oder Farben, je nach Entwicklungsstand. Es geht darum, das eigene Innere wieder wahrzunehmen und auszudrücken – und gerade Kindern und Jugendlichen mit psychischen Problemen fällt genau das oft sehr schwer. Emotionen und der Zugang zu ihnen stehen bei unserer Arbeit hier oft im Fokus. Derzeit arbeiten die Patientinnen und Patienten u.a. an “Emotionszwergen”, die sie aus Holz gestaltet haben. Beliebt sind auch die Gefühlsinseln. Dabei wird der Umriss des Körpers und eines Teiles dessen aufgezeichnet und die Kinder bzw. Jugendlichen malen dann hinein, was ihnen besonders wichtig ist, was sie beschäftigt. 

Wir setzen viel Ton, Holz, Acryl auf Keilrahmen, Collagen, manchmal auch Brandmalerei ein. Im Sommer haben wir sogar schon kleine Ventilatoren mit Batterie gebaut und gelötet. Da musste ich mich selbst erst einarbeiten.

Sie betonten, wie wichtig die eigenen Ideen der Kinder sind. Warum?

Weil das das Selbstbewusstsein stärkt. Wenn ein Kind erlebt: „Ich habe das selbst gemacht – und das ist schön geworden“, dann wirkt das. Es bekommt Lob, es spürt Selbstwirksamkeit. Genau das brauchen viele Kinder und Jugendliche, die zu uns kommen, dringend. Viele haben Ängste, sind depressiv oder ziehen sich zurück. Sie überhaupt ins Tun zu bringen, ist oft die erste große Aufgabe.

Und genau hier kommt auch die Hündin Lea ins Spiel.

Ja, da ist Lea wirklich der Türöffner. Sie baut Brücken. Mit dem Hund ist vieles leichter. Sie ist Teil der Therapie, aber natürlich nicht jeden Tag dabei – das wäre für sie auch zu anstrengend. Ich achte darauf, dass jede Gruppe sie regelmäßig erlebt.

Bei den Kleineren binde ich sie sehr aktiv ein: Da werden viele Aufgaben mit dem Hund oder "für" den Hund gemacht. Wir haben zum Beispiel ein Memory mit Bildern von Lea und mit einigen Kindern habe ich ein Hunde-Lapbook gestaltet, in dem es darum geht, welche Körperteile und Sinne ein Hund hat, welche Ausrüstung man benötigt und was Hunde gern haben. 

Bei den Großen ist sie oft eine Art stille Begleiterin. Und das Spannende ist: Wenn sie nur dabei ist, sucht sie sich manchmal ganz gezielt Kinder aus, die das gerade brauchen. Vorhin war zum Beispiel ein Mädchen in der Gruppe, das sich sehr isoliert hat. Lea ist immer wieder zu ihr gegangen und hat sie praktisch aufgefordert: „Streichle mich.“ Wenn Kinder sehr angespannt sind oder mit sich selbst beschäftigt, legt sie sich einfach vor deren Füße. Sie hat ein unglaubliches Gespür.

Wie ist Ihr eigener Werdegang?

Ich habe ursprünglich Kindergärtnerin gelernt und später dann meinen staatlich anerkannten Erzieher gemacht. Als Erzieherin arbeitete ich einige Jahre in unterschiedlichen Bereichen mit Kindern und Jugendlichen, bis ich mich entschied zur Ergotherapeutin umzuschulen. Im Prüfungspraktikum lernte ich dann die Kinder- und Jugendpsychiatrie Bernburg kennen und bekam im Anschluss meiner Ausbildung 2003 die Möglichkeit in der Tagesklinik Wittenberg zu arbeiten. 2007 wechselte ich dann in die Tagesklinik Dessau, da hier auch mein Wohnort ist. 

Wie hat sich denn Ergotherapie über die Jahre verändert?

Früher war Ergotherapie oft so verstanden, als würde man nur an der Motorik arbeiten oder nur an dem, was auf den ersten Blick „krank“ erscheint. Heute hat sich das sehr gewandelt. Wir haben den ganzen Menschen im Blick: Ressourcen, Entwicklung, Lebensgestaltung. Es geht um die Frage: Wie kann ich diesem Menschen helfen, sein Leben zu gestalten? Um Wahrnehmung, um den Umgang mit Angst und Aggression, um Antrieb, Selbstwert, Konzentration, Tagesstrukturierung – um Eigenaktivität und Selbständigkeit.

Und die Kinder selbst – wie hat sich deren Bild verändert?

Unser Leben verändert sich ständig, wir leben in einer sehr schnelllebigen Zeit, gesellschaftliche Veränderungen und der recht große Einfluss digitaler Medien prägen auch unsere Kinder. Auch die Coronapandemie hatte großen Einfluss auf die seelische Gesundheit der Kinder und Jugendlichen. Das spiegelt sich zum Beispiel auch in den Krankheitsbildern der Patienten wider. Heute gehören zu den häufigsten Erkrankungen, welche wir behandeln zum Beispiel Depressionen im Kindes- und Jugendalter, Angststörungen, Essstörungen, selbstverletzendes Verhalten, Bindungsstörungen.

Sie haben hier in der Tagesklinik einen klaren Fokus auf Familienarbeit. Erzählen Sie uns gern mehr darüber und wie Sie da eingebunden sind. 

Ja. Ich bin in der Multifamilientherapie-Gruppe (MFT) dabei, die ich donnerstags begleite. Bei den Kleinen läuft unser FIT-Programm (Familien in Therapie), in dem die Eltern sechs Wochen lang als Begleitperson mit dabei sind. Patienten sind die Kinder – aber ohne die Eltern geht es nicht. Sie müssen mit im Boot sein. In der MFT-Gruppe machen wir zum Beispiel Vorstellungsplakate („Unser Zuhause – das sind wir – das ist uns wichtig“), gestalten Familienwappen mit Tieren, die zu den jeweiligen Familienmitgliedern passen, oder bauen mit Eltern und Kindern Roboter aus Materialresten. Dazu gehört auch eine kleine „Gebrauchsanweisung“: Was kann mein Roboter besonders gut? Woran merke ich, wenn er nicht mehr gut funktioniert? Wer kann ihm dann helfen? Solche Übungen bringen Eltern wieder ins Nachdenken über das eigene Kind. Die Familien sollen gestärkt werden in ihrem Miteinander. Sie lernen einen altersgerechten und auf die Entwicklung ihres Kindes förderlichen Umgang, in dem sie sich gegenseitig unterstützen.

In dieser Woche gestalten wir zum Ende der Therapie beispielsweise eine „Schatzkiste“, die mit „warmem Regen“ gefüllt wird – also mit Komplimenten und positiven Rückmeldungen aus der Gruppe.

Warum sind Sie so überzeugt von dieser Familienarbeit?

Weil viele Probleme erst dann sichtbar werden, wenn Eltern und Kinder zusammen da sind. Wir können dann gemeinsam gezielt daran arbeiten. Und wir geben keine fertigen Lösungen vor. Wir stehen nicht da und sagen mit erhobenem Zeigefinger: „Wir machen alles richtig.“ Wir schauen gemeinsam mit den Familien, welcher Weg passt – und können unterstützen, kleine Denkanstöße geben. Das finde ich enorm wichtig. 

Was zeichnet Ihr Team in Dessau aus?

Wir sind ein recht großes Team aus verschiedenen Berufsgruppen. Der Austausch ist täglich da – zwischen Pflege- und Erziehungsdienst und den Therapeuten, genauso wie unter uns Fachtherapeuten, also Physio, Ergo und Musik. Bei gemeinsamen Aktivitäten/Projekten und Festen bringen sich die unterschiedlichen Berufsgruppen aktiv ein. Ob zum Beispiel beim Fasching, Osterbrunch mit den Eltern, Sommerfest oder auch bei der Gartengestaltung. Unser neustes Teamprojekt ist die Gestaltung einer Vorstellungswand mit KI-generierten Bildern von unserem Team der Tagesklinik.

Nehmen Sie manchmal etwas mit nach Hause?

Ja manchmal schon. Es gibt Schicksale die mich sehr berühren. Ich sage immer Eltern haben einen Schatz, aber viele sehen es nicht mehr oder können es nicht sehen. Wir können unsere Patienten und ihre Familien ein Stück weit begleiten und unterstützen Lösungen für ihre Probleme zu finden. Gerade unsere jugendlichen Patienten bestärke ich, ihren eigenen Weg zu finden, denn sie haben es ein Stück weit selbst in der Hand ihr Leben zu gestalten.

Wenn Sie Ihre Arbeit in einem Satz zusammenfassen müssten – was wäre das?

Getreu dem Motto von Pippi Langstrumpf: „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“

So möchte ich den Kindern und Jugendlichen zeigen, was in ihnen steckt, ihnen Mut machen Neues auszuprobieren und sie hierbei zu unterstützen.

 

Erfahren Sie hier mehr über die Salus-Tagesklinik in Dessau. 

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